Ich glaube, dass viele in diesen Tagen irgendwie ihre Gefühle ausdrücken möchten wenn es um Google Stadia geht, ich bin da keine Ausnahme. Wir unterscheiden uns nur in den Ausdrucksarten. Die einen sind sauer, die anderen enttäuscht, vielleicht sogar sprachlos oder auch glücklich.

Aber warum glücklich? Dazu dann später mehr.

The future of gaming is not a box. It’s a place.

Google Stadia – März 2019 – Werbeslogan
Google Stadia – März 2019 – Promotion Video

Meine persönliche Geschichte mit Stadia hat nicht mit dem Produkt an sich begonnen sondern mit der Nintendo Switch. Es ist zumindest immer ein Traum von mir gewesen, diese beiden Welten zu verbinden. Die “Ich muss vor der Kiste (TV, Monitor usw.) sitzen um zu zocken” – Welt und die “Ich trage meine Videospiele immer bei mir – Handheld”-Welt.

Nintendo hat das erkannt und aus seinen Fehlern und Erfolgen die Switch erdacht. Das hat mich nach vielen Jahren am PC und kaum mehr beendeten Videospielen zurück ins Game gebracht und diese Kombination fasziniert mich bis heute. Exklusive Spiele, unzählige Neuveröffentlichungen, Klassiker und AAA. Als Plattform hat Nintendo mit der Switch diese Generation auf jeden Fall gepunktet. Aber trotzdem, irgendwas hat gefehlt. Der Tech-Nerd in mir wurde gekitzelt. Auftritt Google.

Kurz vorab, dies soll keine geschichtliche Aufarbeitung sein mit einem Anspruch auf Vollständigkeit. Deswegen fehlt der Part über „Project Stream“ fast vollständig. Allerdings zumindest erwähnt, dieser „Beta-Test“ ging der Ankündigung von Google Stadia voraus und war die Testumgebung für Google mit ausgewähltem Publikum. Grüße gehen raus an alle Teilnehmer, ich war zu diesem Zeitpunkt noch fasziniert von Playstation Now. Das ging bereits 2014 an den Start und hat mich, da ich keine Playstation 4 Konsole besaß, zumindest mit seinen Spielen abgeholt.



Die Präsentation von Google Stadia, und was das für die Branche generell bedeutet, hat mich umgehauen. Cloud Gaming war für mich nie so real wie ab diesem Moment. Google hat nicht nur genug Geld, um damit am Markt erfolgreich zu sein, sondern auch den Willen und die Manpower dahinter. Ich habe keine Sekunde gezögert und meine Founders Edition vorbestellt. Jetzt hieß es nur noch warten und warten und…warten.

19.11.2019

Offizieller Stadia Release-Tag

Kurz vor dem Versand des Controllers und des Chromecast wurden bereits die Zugänge verschickt und ich konnte am PC und meinem Smartphone loslegen. Ich habe mir sogar das Pixel 4 XL geholt um perfekt vorbereitet zu sein. Ich wurde absolut nicht enttäuscht.


Mein Founders Controller

Bereits direkt beim Start hat Stadia mich überzeugt. Stabile Verbindung, keine Patches mehr, kein warten auf Downloads und endlich, egal auf welchem Gerät, Zocken.

Ich war auch völlig zufrieden mit der Grafik. Destiny 2 und Red Dead Redemption 2 sahen sehr gut aus und hatten kaum Performance Probleme, die mir in Erinnerung geblieben wären. Gylt ist für mich heute noch eines der besten Spiele auf der Plattform und hat mich nachhaltig beeindruckt.


Meine ersten Käufe

Neue Spiele wurden veröffentlicht, die Bibliothek war zwar eher überschaubar, aber große wie kleine Titel fanden ihren Weg auf die Plattform. Es gab sogar Events wie „Stadia Connect“, auf der Spiele und neue Features angekündigt wurden, eine Roadmap mit Ausblick und spezielle Community Events. So etwas ist man heute gar nicht mehr gewöhnt.


Stadia Roadmap 2020

Auch konntet ihr direkt eure Fragen stellen und man war sehr viel offener als heute in der Kommunikation.


Stadia Reddit AMA

Es gab kein Entkommen. Stadia war überall. Wenn man sich auch nur etwas für Tech und Gaming interessiert hat, irgendwo ist man immer auf einen Artikel gestoßen. Sei es bei der Augsburger Allgemeinen, 4K Filme oder Ingame. Rückblickend gesehen ziemlich, sagen wir mal, bemerkenswert. Wo die heutige Berichterstattung aus hauptsächlich negativen Artikeln, Videos und Talkrunden besteht. Es gab also eine Zeit, da war das mal anders.


Artikel der Seite „4K Filme“

Aber bevor ich zu weit in die Zukunft schaue, gibt es hier noch einen Punkt der Relevant ist. Die Gründung von „Stadia Games and Entertainment“ im März 2019 mit der bekannten und erfahrenen Jade Raymond als Führungspersönlichkeit. Das gleiche gilt für Phil Harrison, den ich bisher nicht erwähnt habe, der allerdings für meine Geschichte weniger eine Rolle spielt. Keine Sorge liebe Fans, ihn gibt es noch.

Man hat also einige  Talente um sich scharen können, Veteranen der Industrie. Diese Menschen wissen wie das Business funktioniert. Sie wissen wie die Branche, die Gamer ticken. Eine Sache dürfen wir insgesamt nicht vergessen:

Google und das Stadia Team wissen genau wie der Markt tickt und was nötig ist um Erfolg zu haben.

Alles andere wäre doch absurd zu glauben, oder?

Stadia Games and Entertainment kaufen die Typhoon Studios im Dezember 2019. Alle Zeichen stehen auf Angriff. Expansion. Wir träumen schon davon, welche Möglichkeiten die Cloud bietet und das wir nur etwas Geduld haben müssen bis die ersten Spiele erscheinen und uns umhauen werden. Nachdem ein neues Entwicklerstudio in Montreal gebildet wurde, ist ein zweites in Playa Vista, Los Angeles, entstanden. Geleitet von Shannon Studstill, ehemals Sony Santa Monica Studio. Eine spannende Mischung.



Ja und dann passiert erst einmal nicht viel. Außer das Alex Hutchinson, durch den Zukauf jetzt im Studio Montreal als Creative Director eingesetzt, mit Aussagen irritiert wie:

„The real truth is the streamers should be paying the developers and publishers of the games they stream. They should be buying a license like any real business and paying for the content they use.“

Alex Hutchinson – 22. Oktober 2020

Nach seiner Ansicht wäre es „die Wahrheit“ ™, das Streamer Entwickler und Publisher bezahlen müssten, wenn diese deren Inhalte streamen. Einen Tag später distanziert sich Google schnell von diesen Aussagen.

Nur 14 Monate später, es ist der 1. Februar 2021. Stadia Games and Entertainment wird geschlossen, ebenso die Typhoon Studios und damit 150 Mitarbeiter entlassen, inklusive Jade Raymond.

Dazu kann man hier noch einmal den Blog Post von Phil Harrison nachlesen. Ich war selten so sprachlos wie an diesem Tag.

Gerade noch wurde Cyberpunk 2077 veröffentlicht und man dachte zumindest, es wäre ein Durchbruch für die Plattform. Denn auch wenn Mitbewerber mit technischen Problemen zu kämpfen hatten, lief die Stadia Version meist recht gut. Nicht perfekt, aber besser als die anderen Versionen.

Auch wenn ich nicht parken kann – Screenshot Cyberpunk 2077 – Stadia

Nun kann man annehmen, dass Google eines bewusst wurde: Der Release von Cyberpunk 2077 war eben nicht der gewünschte Erfolg, die Verkaufszahlen lagen hinter den Erwartungen. Im September 2020 kaufte Microsoft den Brocken ZeniMax Media, was zusätzlichen Druck auf Google ausübte. Nicht nur würde ein großer Unterstützer der Stadia Plattform damit an Microsoft gehen, auch zukünftige Veröffentlichungen fallen flach. Microsoft würde Google diese Spiele nicht mehr Lizenzieren, soviel ist klar.

Auch wenn wir es uns wünschen würden es wäre anders. Trotzdem werden diese Faktoren dazu beigetragen haben, den Fokus der Plattform zu verschieben. Google wusste, was zutun ist, hatte aber nicht den langen Atem hier am Ball zu bleiben. Das bestätigen ehemalige Mitarbeiter und Whistleblower.

I think [Google] realized that content is scary and risky and expensive and takes lots of trust in people, and it just wasn’t their core business.

Alex Hutchinson – Interview

Hätte Google schlicht durchgezogen, weiter an die Vision Stadia geglaubt und kreative Menschen ihre kreativen Dinge tun lassen, wären wir heute schon viel weiter.

Wir wären viel, viel weiter und Stadia als Plattform wäre nicht degradiert als Lizenznehmer für Googles Cloud-Gaming Technologie. Denn Google behauptet tatsächlich, es wäre von Anfang an als White-Label Produkt geplant, dass man Endkunden anspricht wäre nur ein Nebenprodukt.

Irgendwo auf diesen Weg hin zum Lizenznehmer der eigenen Technologie hat Stadia seine Vision verloren. Nicht nur das Team ist heute größtenteil ein anderes, damit meine ich nicht die vielen Menschen die ihren Job verloren haben, sondern es fehlen auch diejenigen, die freiwillig gegangen sind.

We can confirm John is no longer with Google and we wish him well on his next step.

Press Release – 9to5google

Auch wenn ich jetzt etwas abdrifte und die Geschichte von Stadia nacherzähle, es ist am Ende nicht einmal nahe dran an den Dingen, die wir als Community mitgefiebert, geteilt und besprochen haben. Ob es das neue Vergütungsmodell von Stadia Pro ist, die Verkaufsaktionen der Premiere Edition, der neue Fokus auf das White-label Modell mit den ersten Spielen Batman: Arkham Knight und Control für AT&T und deren Kunden.

Google Immersive Streaming AT&T White-label

Abschließend ein paar Worte. Ich schreibe diese Worte mitten im Artikel, aber sie sind mir so wichtig, dass ich sie nicht vergessen möchte.

Stadia existiert in keiner exklusiven Blase. Die Welt dreht sich weiter. Hardware- und Softwareentwicklung gehen weiter und der Wettbewerb steht nicht still. In einer Welt, in der Stadia alleine ist, kann es funktionieren auf niedrigem Level zu fahren. Wir könnten vielleicht, aber auch nur vielleicht, verzeihen das wir keine Antworten auf Fragen erhalten. Dass man uns ignoriert, egal ob Publisher, Google oder Entwickler. Dass man mit schlechteren Spiel-Versionen leben muss, auf Patches über ein Jahr wartet, oder Inhalte nicht bekommt.

Stadia existiert nicht in einer exklusiven Blase. All die anderen Anbieter ziehen vorbei.

Diese Erkenntnis ist bitter. Es macht wütend. Ungläubig schaut man sich um. Warum ist das alles nur so unfair? Wir wissen doch, was zu tun ist. Macht endlich was!

Emotionen sind bei dieser Betrachtung ein wichtiger Faktor. Was glaubt ihr, warum die ganzen Artikel rund um Stadia nur so voll damit sind. Ich selber habe viele dieser Emotionen in mir. Ich versuche mit Cloudplay einen Gegenpol zu bilden. Mich gleichzeitig über alles aufzuregen, alles zu lieben. Eine epische Balance der Gefühle, wenn ihr so wollt.

Klappt das? Nein. Davon kann sich niemand freisprechen und niemand kann Dinge vollständig  unabhängig betrachten. Ich versuche es, das verspreche ich.

Ich frage mich jetzt also, wie ihr auch:

Ist das jetzt das Ende von Google Stadia?

…und ehrlicherweise kann das keiner beantworten. Es gibt Fakten, die wir aufzählen können. Den Frust den viele in sich spüren. Communities und Content Creator die aufgeben, sich anders orientieren, blind geworden sind vor Emotionen gegenüber konstruktiven Gesprächen. Eine Firma, die Ihr Produkt lieber an Geschäftspartner verkauft als an seine Kunden, oder die Entwicklung generell und gerade die Geldmittel maximal gekürzt hat.

Die Social Media Kommunikation ist auf einem Minimum. Gerade so´, dass man noch existiert, aber nicht darüber hinaus. Das ist insofern krass, als dass Google schon so viel mehr gemacht hat. In der Vergangenheit. Erinnert euch mal an das hier:

Oder die Livestreams, bei denen ihr mitmachen konntet (Verlinkung nicht möglich bei Altersbeschränkung).

Ich glaube, ganz persönlich, das Google Stadia in dieser Form keine Zukunft hat. Es muss sich fundamental etwas ändern. Versteht mich nicht falsch, ich möchte das Stadia erfolgreich ist, ich glaube nur nicht daran, dass es das so noch sein kann.

Das wird auch keinen Einfluss auf meine Berichterstattung oder die von Cloudplay haben. Hatte es auch nie. Siehe unsere Geschichte mit Magenta Gaming.

Warum habe ich am Anfang also von glücklich gesprochen? Ich hoffe natürlich, dass ihr alle glücklich seid oder daraufhin arbeitet. Ich weiß, das ist nicht immer leicht. Das ist auch mein Rat an dieser Stelle.

Geht raus und spielt Videospiele!

Egal ob es jetzt weitergeht mit Google Stadia, oder wohin sich diese Branche generell entwickelt. Legt den Artikel, wenn ihr zu Ende gelesen habt, zur Seite und spielt. Spielt mal wieder euer Lieblingsgame, oder dass eine Spiel das ihr nie zu Ende gespielt habt. Seid glücklich.


Destiny 2 – Cloudplay Community Multiplayer

Ich freue mich sehr über Feedback. Zu meinen Gedanken wie auch eure Gedanken in den Kommentaren.

Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag und Meinung des Redakteurs und muss nicht zwingend die Meinung des restlichen Teams widerspiegeln

Geschrieben von – Stefan Dehnert aka CheekyBoinc

1 Comment

  1. Mommbach Juni 13, 2022 at 1:01 pm

    Bis zum Release von Cyberpunk 2077 hatte ich Stadia und Cloud Gaming im Allgemeinen keine wirkliche Beachtung geschenkt. Als CP2077 dann 2020 erschien, die Wertungen und Reaktionen auf die Stadia Version einfach gut ausfielen und Google beim Kauf noch eine Premier Edition obendrauf packte, war mein Interesse geweckt. Ich wurde nicht enttäuscht und war begeistert. Auf Stadia habe ich über 84h mit Immortals Fenyx Rising verbracht, Chorus und Tomb Raider DE zum x-ten Mal durchgespielt, oder auch wirklich gute Indie Games wie Gylt oder Wavetale genossen. Unvergesslich bleibt der Wreckfest Marathon via Stadia zu den Game Awards 2021 mit der Cloudplay Community. Fortsetzung 2022? 😉 Unterm Strich steht eigentlich eine positive Erfahrung mit Stadia.

    Ich verfolge aber auch -dank Cloudplay, Bude voll People, Sunny etc.- seit CP2077 die Entwicklung der Plattform bzw. des Cloud Gaming Dienstes und was Google innerhalb der letzten 2 Jahre daraus gemacht hat. Die Begeisterung ist mit der Zeit in Ernüchterung umgeschlagen. Nun ist das für mich keine neue Erfahrung, sondern eine von vielen aus meiner über 30-jährigen Gamer Geschichte. Bei Konsolen und Handhelds habe ich mich deshalb über die letzten Jahre breit aufgestellt und beim Cloud Gaming mit Stadia, GeForce Now, xCloud und PlayStation Now mittlerweile auch.

    Videospiele sind Kunst und Kulturgut. Cloud Gaming ist elementarer Bestandteil der Games Kultur. Du und das Cloudplay Team macht das durch eure Arbeit immer wieder transparent und erlebbar. Mich habt ihr damit abgeholt.

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